Es ist Sommer des Jahres 2000. Wir sind unterwegs in Italien und haben in den letzten 3.5 Wochen das halbe Land durchreist. Venedig, Florenz, Sienna, Lucca, die Insel Elba, Rom, die Via Aurelia, etc., es hätte nicht besser kommen können. Nun waren wir wieder auf dem Heimweg. Es sollte über die A26 zurückgehen, an Genua vorbei durch die Lombardei und über die Alpen zurück nach Hamburg.
Im Grunde hatte ich nicht vor nocheinmal in Genua zu halten. Dann jedoch sah ich das Schild mit der Aufschrift 'Genua Centro'. Was dann geschah war eine Sache, die sich innerhalb einer Sekunde abspielte. Nachdem ich zu mir selbst sagte "Wenn du es jetzt nicht tust wirst du nie wissen ob sie nicht vielleicht doch da war" waren die Würfel gefallen. Ich zog den Blinkerarm hoch und fuhr von der Autobahn ab.
Den Weg noch in etwa im Kopf fand ich mich bald wieder auf der Stadtautobahn von Genua, welche sich um den Hafen herumzieht. Wie hatte ich diese Strasse damals verflucht! Diesmal jedoch, in der Annahme eh etwas Unsinniges und Zeit Raubendes zu tun fuhr ich geruhsamer. Bis zu dem Moment wo ich den Kopf nach links drehte, den Blick über den Hafen schweifen liess und etwas entdeckte zwischen all den Schiffen, Masten und Gebäuden, das mir so unglaublich vertraut vorkam. Es waren nur zwei Funkmasten und zwei Schornsteine dazwischen, mit roter Bemalung am oberen Ende. An die Sekunden danach, grad jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Emotional aufgeladen, eine Mischung aus überschäumender Freude, Glückseeligkeit und ein warmes, vertrautes Heimatgefühl empfindend hatte ich Mühe, es war wiedereinmal Rushhour, das Auto auf der Strasse zu halten. Cirka zehn Minuten später stand ich in Glückstränen aufgelöst vor ihr, vor der alten Lady, die wie ich fand um kein jahr gealtert zu sein schien. Ich hatte es geschafft. Sie war noch genau so schön wie ich sie in Erinnerung hatte, vom September 1994, als ich sie zum letzten Mal zu Hause gesehen hatte. Nur die Kielfarbe hatte sich von Braun zu Blau geändert. An den Schornsteinen prangte ein anderes Logo und sie hatte einen neuen Namen, M.T. Admiral mit Heimathafen Olbia (Sardinien). Gut in Schuss war sie, das war sofort ersichtlich. Ich brauchte eine Weile um mich zu beruhigen, aber ich hatte nun die Zeit dazu. Ganz in Ruhe konnte ich mich nun verabschieden und tat das auch. Die Passagiere gingen oder fuhren an Bord und pünktlich um 18.30 Uhr hiess es "Leinen los". Die neue Heckklappe schloss sich bei herabgleiten vom Kai und sie steuerte die Hafenausfahrt an. Bis nichts mehr zu sehen war, blieb ich am Kai stehen und schaute ihr nach. Ein leises Adieu kam über meine Lippen. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich sie sah. Nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich hätte mitfahren sollen...