Mit einem herzlichem Dank an die Verfasser dieser Geschichte;

Hermann Wolf (Schiffselektriker, A-Schicht)
Reinhardt Severin (Maschinen Assistent, A-Schicht)

Am 30.01.1996 wurde das FS „Warnemünde“ nun endgültig nach Italien an die T.R.I.S. Reederei verkauft. Der Reeder war Senior Para Scandella.
Nach dem Flaggenwechsel am 30.01.1996 gegen 14.00 Uhr wurden der Schiffsname und die und die Schornsteinmarken geändert. Aus DFO am Schornstein wurde ein P für Para. Nach entsprechenden Vorbereitungen, wie die Übernahme von Proviant, Laschen aller Reserveteile, Füllen aller Tanks mit Ballastwasser und Bunkern von 297 t DK, wurden am 02.02.1996 11.00 Uhr zum letzten Mal im Fährhafen Warnemünde die Leinen gelöst. Mit dem Lotsen gingen der Reeder und Peter Gräfnitz von Bord.

Jürgen Genz und ich waren nun mit zehn italienischen Besatzungsmitgliedern allein an Bord. Vor uns lagen ca. 3000 sm (etwa 5500 km). Das Hauptproblem lag in der Unerfahrenheit der Italiener. Zum Glück begann die Reise bei gutem Wetter. Wir hatten in der Ostsee zwar Eis, aber bis zum Ausgang des England - Kanals war die See ruhig. In der Nacht vom 04. zum 05.02. kamen bei Ushant die Tiefdruckgebiete, begleitet von Westwinden der Stärke 8 bis 9. Die Kapitäne, welche bisher eine vorbildliche nautische Arbeit geleistet hatten, entschlossen sich südlich Brest in der Bucht von Bongart vor Anker zu gehen und abzuwarten. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand an Bord, daß daraus ein längerer Aufenthalt werden sollte. Gegen Nachmittag wurde es immer stürmischer, so daß der Anker (10 Längen = 250 m) öfter eingeholt werden musste, um einen Ankerplatz zu finden. Am Mittwoch, dem 07.02. 1996, kam der Orkan, welcher über der irischen See tobte bis in die Bucht hinein. Der Windmesser zeigte stetig 12 - 13 Windstärken an. Das Schiff trieb wie ein Segelboot und es heulte durch alle Fenster im Vestibül und den Salons wie in einem Spukschloss. Unter großer Mühe bekamen wir den Anker hoch. Die ganze Nacht bis früh um 06.00 Uhr fuhren wir gegen den Sturm an. Ich glaube, so etwas hatte das Schiff noch nicht mitgemacht. So gingen die Tage dahin. Wir hatten viel zu tun alles in Ordnung zu halten, Anlagen und Systeme zu erklären sowie vorzuführen. Die Stimmung ging langsam auf den Nullpunkt, besonders bei den Italienern. Jürgen und ich machten unser Frühstück schon lange allein. Trotz allem haben wir jeden Nachmittag unseren Kaffee getrunken und Kekse, welche wir uns mitgenommen hatten, dazu gegessen. Der Abend und die Nacht wurden öfter lang, besonders bei schlechtem Wetter weil wir uns auf die vier Männer in der Maschine, welche 6/6 Wache (6 Stunden Arbeit / 6 Stunden Ruhe) gingen, nicht so richtig verlassen konnten. Der gesamte Maschinenraum war öfter überhaupt nicht besetzt. Alarme standen an und das Rauchen von Zigaretten im Maschinenraum war normal. Trotzdem hatten wir ein gutes Verhältnis zueinander.
Zu allem Übel ging aber der Proviant zu Ende. Als Wein, Weißbrot und Wasser in Flaschen aufgebraucht waren, ging für unsere italienischen Freunde die Welt unter. Nur mit Mühe konnten wir dem Kapitän erklären und ausreden, daß bei dem Wind und der Dünung (2 - 3 m hoch) ein Aussetzen bzw. Wiedereinhaken eines Bootes nicht ratsam wäre.
Dann endlich am Dienstag dem 13.02.96 gelang es uns früh um 07.00 Uhr, die Barkbord-Barkasse ins Wasser zu lassen, an Land zu fahren und Proviant einzukaufen. Als das Boot endlich um 14.00 Uhr wieder an Bord war und der Proviant ausgeladen war, ging es mit der Stimmung wieder aufwärts. Eine Stunde danach waren bereits vier Flaschen Wein leer. Das Boot ist übrigens sehr gut gelaufen.
Am Mittwoch, dem 14.02.96 war es früh 05.00 Uhr endlich nach neun Tagen vor Anker liegen soweit, daß wir es wagen konnten, die Reise fortzusetzen. Der Wind hatte auf Nordost gedreht. Vorher hatten wir schon zweimal versucht die Bucht zu verlassen. Wegen zu hoher Dünung in der Biskaya (6 - 7m hohe Wellen) mussten wir wieder umkehren. Bei rauer See und Dünung sowie Wind um die 6 - 7 ging es in Richtung „Kap Finistere“. Das Schiff legte sich immer sehr gut und weich in die aufgewühlte Kreuzsee bis zum Morgen des 15.02.96 04.00 Uhr, als der neue Rudergänger nicht auf den Kurs achtete und das Schiff aus dem Ruder lief. Wir wurden von einer Welle so zur Steuerbord-Seite gedrückt, daß wir 30 - 40° Schlagseite hatten. Der Aufprall war von so großer Wucht, daß wir glaubten, das Schiff kommt nicht wieder zurück.
Die Seiltrommeln hinter dem Clubraum wurden herausgerissen, die Wasserschotten im Hamo, Himo und Wellentunnel sind trotz Schneckenradantrieb in Sekunden zugefahren und hatten sich so verkeilt, daß wir sie nur mit Seilzügen wieder öffnen konnten. In der Kombüse, den Salons, in den Kammern und im Wagendeck sah es aus wie nach einem Bombenanschlag. Jürgen und ich waren zum Glück schon unten. Ich bin gleich in den Maschinenraum gegangen, welcher mal wieder unbesetzt war. Vom Himo-Kühlwassersystem stand Alarm an. Ein Stromausfall wäre wahrscheinlich das Ende gewesen. Jürgen hatte im Wagendeck alle Hände voll zu tun um Laufbuchsen, Kolben usw. einigermaßen in Schach zu halten.
Der nächste Tag war mit Aufräumarbeiten auch in den Storeräumen voll ausgebucht. Wir fuhren in 4- 5 Seemeilen Entfernung vor der Portugiesischen Küste entlang in Richtung Kap Vicente und weiter zur Straße von Gibraltar. Wind und bewegte See waren immer unsere ständigen Begleiter. Das Schiff hatte sich bis dahin sehr gut bewährt. Die Italiener lobten es und waren sehr stolz auf ihren „Admiral“.
Endlich, am Abend des 16.02.96 gegen 22.00 Uhr, passierten wir wieder bei starkem Ostwind den Felsen von Gibraltar. Trotz des schlechten Wetters und der niedrigen Temperatur, fühlten sich unsere Freunde schon wie zu Hause. Es war kaum zu glauben, am 17.02.96 gab es Sonnenschein und ruhige See. An der Backbord-Seite war deutlich die spanische Küste mit Gebirgsketten, Dörfern und Ferienorten zu erkennen. Auf einigen Bergspitzen lag Schnee.
Das ruhige Wetter sollte aber nicht lange vorhalten, denn am Sonntag, den 18.02.96 war schon wieder Windstärke 9 - 10 aus Nordost im Anmarsch. Zuerst wollten wir bei der Insel Menorca vor Anker gehen, sind dann aber weiter bei rauer See in Richtung Sardinien durch die Straße von Bonifacio gefahren. Am Montag, dem 19.02.96 gegen 05.00 Uhr morgens haben wir den Anker in der Bucht vor St. Magdalena / Palao fallen lassen. Von hier aus sollte am 01.06.96 mit der ehemaligen FS „Warnemünde“ eine neue Fährlinie ca. 200 sm an der Küste Korsikas vorbei nach Genua eröffnet werden. Heute wurde hier das Schiff vorgestellt.
Der größte Teil der Besatzung fuhr an Land. Von Mitarbeitern der Reederei, welche schon zwei Fähren zwischen den Inseln in Betrieb haben, wurde Proviant, vor allem original sardinischer Käse und Wein an Bord gebracht. Gegen 22.00 Uhr, als alle wieder an Bord waren, hieß es „Anker auf“ für die letzte Etappe nach Genua. Diese 200 sm wurden eine Messfahrt. Trotz schlechten Wetters waren wir nach 11 Stunden am Morgen des 20.02.96 in Genua. Nach 19 Tagen oder ca. 3000 sm war die Fahrt zu Ende. Tage mit viel Stress waren vorüber, aber auch mit Freude und ein wenig Stolz auf das Geleistete. Wir waren alle zu einer guten Mannschaft zusammengewachsen.
Verbraucht haben wir ca. 240 t Dieselkraftstoff bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 16 sm/h.
Nach dem Festmachen in der Werft in Genua, wo das Schiff in den nun folgenden drei Monaten umgebaut werden sollte, waren wir mit den Werftvorbereitungen usw. beschäftigt. 13.00 Uhr gab es ein wohlschmeckendes Abschiedsmittagessen im Wintergarten. Natürlich italienisch mit Spaghetti, Fisch, Kuchen, Wein, Obst, Weißbrot und stillem Wasser. Unerwartet erschienen noch Vertreter der Reederei (sehr Mafia-verdächtig) dazu. Die gute Stimmung war plötzlich wie weggeblasen. Endlich, gegen 16.00 Uhr hatten Jürgen und ich die Zeit uns Genua anzusehen. Als wir um 19.00 Uhr zurück an Bord kamen, wurden wir zu einem gemütlichen Abendessen eingeladen. Danach kam der Abschied mit feuchten Augen auf beiden Seiten weil wir nächsten Morgen schon um 06.00 Uhr von Bord mussten um rechtzeitig am Flugplatz zu sein. Wir überreichten unseren Freunden ein Bild von der „Warnemünde“ beim Einlaufen in Warnemünde mit einer in italienischer Sprache verfasster Widmung. Nachdem wir nun endgültig die letzte Nacht auf der alten aber immer noch kräftigen „Lady“ verbracht hatten, hieß es am 21.02.96 um 05.00 Uhr früh aufstehen, frühstücken und für die Abfahrt vorbereiten. Um 06.00 Uhr haben uns dann die beiden Kapitäne zum Flughafen gefahren. Es war schon sehr bedrückend als wir unser Schiff nun zum letzten Mal sahen. 08.00 Uhr starteten wir in Richtung München. Ein letzter Blick auf Genua, den großen Hafen, wo wir unser Schiff kurz sahen.


(Quelle: Microsoft LiveSearchMaps, Hafen von Genua mit der MT "Admiral" am Kai)

Der Flug über die Alpen war wunderbar. Nach 80 Minuten landeten wir in München. Am Hauptbahnhof in München lösten wir unsere Fahrkarten und nahmen noch einen Imbiss zu uns. Jürgen fuhr in Richtung Berlin und ich nach Dresden. Uns beiden fiel der Abschied nicht leicht, nachdem wir die ganze Zeit immer zusammen waren, uns gut verstanden und ergänzt hatten. Es gingen aufregende und doch schöne erinnerungsreiche Tage zu Ende.